Heute brauche vor allem ich einen kurzen philosophischen Ausflug in die Welt der Zweibeiner:

Seit einigen Wochen geistert ein Trailer durchs Internet. Die Elternschule. Eine Klinik in Gelsenkirchen, die Unterstützung für verzweifelte Eltern anbietet, zu allen Themen der Kindererziehung.

Bevor ihr weiter lest, seht Euch bitte den Trailer an.

Und hier kommt schon der Erste Fehler: Tatsächlich sind dort Mütter stationär mit ihren Kindern aufgenommen. Väter können „besuchen“, werden nach erfolgter Therapie mit „Kurzseminaren“ eingebunden. Ohne mich jetzt zu sehr in feministische Haltungen zu verbeißen, finde ich es schon erstaunlich wie die Konstellationen hier aufgestellt sind. Ein „charismatischer Kinderpsychologe“ erklärt verzweifelten Müttern wie sie wieder Kontrolle im Alltag bekommen können. Kennen wir das nicht aus einem ganz bekannten TV-Format mit Hunden und einem, der vorgibt zu flüstern?

Müttergruppe - http://www.elternschulefilm.de/#galerie

Müttergruppe – http://www.elternschulefilm.de/#galerie

 

Erstaunlich in diesem Zusammenhang ist für mich auch, dass dezidiert erwähnt wird, wie verstörend manche Szenen FÜR DIE ZUSEHER*INNEN sind, und dass viele selbst eingreifen wollen – aber dann wird relativiert: Es ginge um Geduld und Konsequenz, und dazu würde man die Eltern (vornehmlich eben die Mütter) in dieser Elternschule wieder anleiten. Viele Szenen folgen, in der ein unerwünschtes Verhalten vom Kind gezeigt wird und die Mütter und Kinder es aussitzen müssen.

Auf der Haben-Seite steht zwar, dass der charismatische Kinderpsychologe sagt, dass Verhalten verstanden werden muss, und dass man sich manchmal eher als Trainer*in sehen und die Erwartungshaltungen runterschrauben müsse, aber dann geht es trotzdem weiter: Situationen, die zu Machtkämpfen führen und die von den Müttern zwingend „gewonnen“ werden müssen. Ein Kind, das nicht schlafen kann, wird alleine gelassen damit es lernt den Schlafrhythmus einzuhalten. Ahja. Als ob diese kognitive Dissonanz das Thema damit aufarbeiten würde.

Nun will ich damit keineswegs die Mütter/die Eltern anfeinden – denn deren Verzweiflung ist real und deren Hilfebedürfnis ebenso. Ich frage mich bloß, wie es legitimiert sein kann solche Methoden in einem Kinofilmformat zu verarbeiten ohne andere Methoden vorzustellen.

Bezeichnend in diesem Zusammenhang ist für mich auch, dass in einem Interview mit dem Regisseur die Mütter, die Kritik an dem Film geübt haben, als „hysterisch“ bezeichnet wurden. Wieder so eine Situation, wo bei mir die „Feminismus!“-Sirene im Kopf angeht und ich mir vorstelle, wie der männliche Regisseuer sich wohl über kritikübende Männer äußern würde. Auch hysterisch? Mhhh… Auch einer Journalistin, die sich in einem kostenlosen Erziehungsmagazin kritisch darüber geäußert hat, spricht er die Kompetenz ab. Hier könnt ihr das Interview selbst nachhören.

In einer anderen Szene zeigt der charismatische Kinderpsychologe ein Video von einem Kind, das zum Essen gezwungen wird. Das Kind schreit schon beim Anblick des Löffels „Aua, Mama!“ – woraufhin der charismatische Kinderpsychologe sich über die gezeigten Bilder lustig macht und dem Kind die Notwendigkeit dieses Ausdrucksverhaltens abspricht, denn „durch eine Nudel am Löffel entsteht keine Not“. Ahja. Brilliant analysiert.

Und jetzt schließe ich den Kreis mit unserer Profession:
Das Bestreben gewaltfrei arbeitender Trainer*innen ist immer „Setting up for success“ – also Situationen so zu gestalten, dass sich die lernenden Individuen richtig (=“wie gewünscht“) verhalten können und Fehlerquellen eliminiert werden. Wenn ich Situationen gut gestalten kann, muss ich gar keinen Konflikt heraufbeschwören. Und wenn doch ein Konflikt entsteht, kann ich wieder eine Situation gestalten, in der ich mich auf den Kern des Konflikts – nämlich ein Bedürfnis! – besinnen kann.

Kinder, genau wie Tiere, wollen sich in unserem Beisein sicher und ernst genommen fühlen. Die Basis dafür muss wohl eher Vertrauen und Zuwendung – die Kernelemente guter Beziehungen! – sein, und nicht permanente Machtdemonstrationen. Denn die Konsequenz solcher Machtdemonstrationen, die in der Regel von „uns Erwachsenen“ gewonnen werden, sind machtlose Individuen. Und im schlimmsten Fall werden es unter dieser Art von Erziehung machtlose Erwachsene. Und der Kreislauf beginnt von vorne.

Und letztlich können wir auch ab und zu in uns selbst hineinspüren und die Perspektiven wechseln. Wie würde ich mich fühlen, wäre ich in der Position meines Kindes (oder meines Tieres)? Sind meine Bedürfnisse befriedigt? Kann ich meiner Bezugsperson vertrauen?

Wenn im Jahr 2018 ein Film gefeiert wird, der alles das ignoriert, was sich an der Bedeutung von liebevoller Zuwendung über die letzten Jahrzehnte für Kinder mühsam erarbeitet wurde, dann läuft hier was falsch. Im Hinterkopf, neben der Feminismus-Sirene, frage ich mich wie wir wohl reagieren würden, wenn ein Film über Cesar’s Way gezeigt würde. Eine seriöse Doku über Erziehungsmethoden würde doch mehr aufzeigen, als nur einen einzigen Zugang, der mit einer „Erfolgsquote von 87%“ vollkommen unseriös glorifiziert wird. Was passierte denn mit den 13%, die keinen Erfolg hatten? Wurden die Kinder abgenommen? Sind die doch zum Attachment Parenting übergelaufen? Leben die mit ihrer Verzweiflung einfach weiter?

Unser aller Verständnis von Beziehung zu unseren schutzbedürftigen Lebewesen – wieder: egal ob Kind oder Tier – braucht bessere Wege als die Binsenweisheiten und Gewaltakte, mit denen schon die Generationen vor uns durch ihre Kindheit gequält wurden. Und genau die Leute, die selbst unter den Geisteshaltungen von Macht, Gehorsam, Leistung und ähnlichem litten, geben heute genau die gleichen Tipps wie vor fast 100 Jahren. Wollen wir da wirklich wieder hin? Ich hoffe nicht. Heute wissen wir es besser. Und heute haben wir bessere Vorbilder und den Bonus der Wissenschaft und Forschung, die genau das untermauern: Beziehungsarbeit und nicht Machtkämpfe, Bedürfnisse erkennen und stillen – und nicht Isolieren und Ignorieren.

 

Linkliste zum Verstanden-Fühlen und Aufregen:

Website zum Film „Elternschule“ (Funfact: Die Facebookseite wurde gesperrt, weil zu viel gemeine Kritik kam)

Süddeutsche Zeitung – Filmempfehlung

Blickpunkt Erziehung

Blogeintrag mit toller Filmanalyse

Family Lab

TagTeach  (denn Klickertraining funktioniert für Menschen genau so gut wie für Tiere!)