Mit diesen Zeilen möchte ich eine Lanze dafür brechen, Praktikant*innen aufzunehmen. Als ich 2014 selbst nach Praktikumsstellen gesucht habe, wurde mir schnell bewusst, dass eine große Angst von etablierten Trainer*innen ist, ihr Wissen „kostenlos“ herzugeben und sich „die Konkurrenz heranzuzüchten“. Fühlt Ihr Euch angesprochen? Dann Achtung, jetzt wird’s kontrovers:

Viele von uns zahlen aus eigener Tasche teure Ausbildungen, lassen sich zertifizieren, investieren in Trainingsnetzwerke und müssen die eigene Kundschaft ja auch noch irgendwie erreichen und idealer Weise längerfristig betreuen können. Wer sich intensiver mit Buchhaltung beschäftigt weiß: Die Ausgaben müssen irgendwie wieder reinkommen. Und dass dieser Weg niemals endet, weil wir alle ständig weiterlernen, ist den allermeisten von uns auch klar.

Und dann sollen wir uns auch noch KOSTENLOS Zeit für Praktika nehmen, die kein Geld bringen?

– Ja, unbedingt!

Praktikant*innen sind nicht nur unsere zukünftige Konkurrenz – sie sind auch unsere zukünftigen Kolleg*innen innerhalb einer Szene, die sich täglich mit kognitiver Dissonanz und kultureller Verblendung auseinandersetzen muss. Die Idee von Gewaltfreiheit und dem Lernen über positive Verstärkung ist noch längst nicht so etabliert, wie es den meisten von uns in der Trainingsgemeinde lieb wäre. Menschen, die körperliche Gewalt als Mittel der Wahl sehen, wenn es darum geht das Verhalten meines Tieres zu ändern, haben ein Standing in der Gesellschaft, finden medial Gehör und mystifizieren ihre Handlungen auch häufig noch, in dem sie behaupten, sie hätten eine besondere Verbindung zu Tieren. Und dem gegenüber stehen wir, als „wattebauschwerfende Idealist*innen“.

Unsere Arbeitsmethoden blicken auf rund 100 Jahre Forschung zurück – Die veralteten Methoden von Gewalt und Strafe erfreuen sich aber bereits mehrerer Jahrtausende Erfahrung und Akzeptanz.

Ein Kampf gegen Windmühlen?

Wollen wir diese Szene stärker machen, braucht es gut ausgebildete Kolleg*innen, die ihre Praktika nicht nur so anlegen, dass sie die Stunden zusammenbekommen um die Ausbildung abschließen zu können – es braucht Visionen und Ziele, wo die Reise hingehen soll. Und diese Visionen und Ziele sollten wir als „etablierte Kollegschaft“ haben und teilen können. Sonst erreichen wir nämlich auch unsere Kundschaft nicht mehr. Diesen Prozess können wir maßgeblich beeinflussen und beschleunigen, wenn wir unsere Türen öffnen und eine Möglichkeit finden, neue Kolleg*innen auf ihren Wegen ein Stück weit zu begleiten

Was ist also mein Benefit, wenn ich Praktikumsplätze anbiete?

Erfahrung und Reflexion

Nicht nur die Praktikant*innen sammeln Erfahrung, sondern auch ich. Mir persönlich gibt es viel, wenn ich Reaktionen und Eindrücke durch andere Personen bekomme und daraus selbst wieder etwas lernen kann. In welche Bereiche ich meine Praktikant*innen einbinde kann ich ja selbst entscheiden. Auch in meinem Fall gibt es Aspekte, die mir zu heikel sind als dass ich sie unbedarft anderen Menschen zeige – vor allem dann, wenn ich selbst noch nicht so recht weiß, was daraus wird. Umgekehrt kann es aber auch genau hier von Vorteil sein, eine außenstehende und unvoreingenommene Person darauf blicken zu lassen und ihre Meinung zu erfragen. So oder so ist es für alle Beteiligten ein Vorteil, sich zu Themen und Ideen auszutauschen, Geisteshaltungen abzufragen und über die jeweilige Vision zu sprechen.

Werbung

Wenn ich von dem was ich tue überzeugt bin, dann spürt mein Umfeld das. Praktikant*innen spüren das aber nicht nur, sondern tragen es auch in die Welt hinaus. Sie teilen der Ausbildungsorganisation ihre Erfahrungen mit meiner Praxisanleitung mit, sie sprechen mit ihren eigenen Lehrgangskolleg*innen darüber und sie kennen meinen Leistungsumfang und können auch in ihrem Umfeld Werbung dafür machen. Besondere Eindrücke aus der Tätigkeit lassen sich mit Hashtags, Microinfluencing und Markiergung auch Social-Media-tauglich verwerten.

Kundschaft

Menschen, die mit ihren Praktikumsstellen glücklich waren, werden auch tendentiell die Leistungen wieder beanspruchen wollen. Viele von uns betreuen ja nicht nur Mensch-Tier-Teams in Alltagsfragen, sondern bieten auch innerhalb der Trainingsszene Fortbildungen für andere Trainer*innen an – und hier können wir uns durch Praktikant*innen schon wieder einen neuen Kundinnenkreis anlegen, die – wie oben beschrieben – nicht nur unsere Leistungen konsumieren sondern auch Werbung für uns machen.

Training aus der Hand geben

Zu neuen Erkenntnissen hat mir der Umstand verholfen, meine Praktikantinnen mit meinen Tieren arbeiten zu lassen. Es war ganz herrlich zu sehen, wie vertrauensvoll die Beziehung zueinander entstanden ist. Meine Hunde haben zB ein Türthema – sprich: Sie bellen wenn jemand kommt. Die Praktikantinnen mussten da vom ersten Moment an mithelfen und wurden in den Prozess der Verhaltensänderung sehr intensiv eingebunden.

Für meinen Vogelschwarm war es wichtig, die Präsenz von fremden Personen kennenzulernen, da es in Zukunft auch für Besucher*innen die Möglichkeit geben soll, artgerechte Vogelhaltung hautnah zu sehen. Meine Praktikantinnen haben dabei tolle Dienste geleistet. Bei den Vögeln haben wir in der Hinsicht einen wahren Trainingsdurchbruch erarbeitet, der ohne Luisa, Moni und Nicole nicht denkbar gewesen wäre.

Überhaupt war es auch für mich hilfreich zu sehen, unter welchen Bedingungen Training gut klappt und welche Feedbackschleifen es braucht um den Prozess zu optimieren. Welche Anmerkungen waren hilfreich, wie fühlt es sich an wenn man „einfach mal tut“, wie viel Beziehung braucht es,… All diese Themen haben wir gemeinsam noch mal aus anderen Perspektiven beleuchtet.

Kompetenzen

Die allermeisten Bewerber*innen für Praktikumsstellen haben schon Arbeits- oder Lebenserfahrung (wenn auch in anderen Lebenswelten) und sind bereits in ihrem Bereich kompetent. Das kann ich mir zu Nutze machen und ihre Fähigkeiten in meine Arbeit einbinden. Und das kann ich auch in der Ausschreibung für die Praktikumsstelle voraussetzen. In meinem Fall habe ich Unterstützung von drei Frauen bekommen, die die unterschiedlichsten Erfahrungen in der Arbeit mit Tieren gemacht haben und mich daran teil haben lassen.

Welche Erkenntnisse ziehe ich aus meinem ersten Mal mit Praktikant*innen?

Viele. Zum einen braucht es eine gute Abgrenzung, wie viel Zeit ich zur Verfügung stellen kann und welche Gegenleistung ich von Praktikant*innen benötige. In meiner speziellen Situation bin ich selbst noch ganz am Anfang – wir sind im April diesen Jahres umgezogen, ich muss meinem Mann glaubwürdig vermitteln, dass Tiergehege und Trainingsfortbildungen genau so wichtig sind wie Renovierungen im Badezimmer und Ausflüge mit Klein-LKWs zu Baumärkten. Dementsprechend schwierig ist es manchmal, die Grätsche zwischen meiner selbstständigen Tätigkeit als Tiertrainerin und meinem Bedürfnis nach „Zu Hause“-Gefühl gut hinzukriegen. Drei Praktikantinnen haben mich dabei aber diesen Sommer ganz prima unterstützt, mir bei Reinigungstätigkeiten geholfen, Wege für mich oder mit mir gemeinsam erledigt, Workflows hergestellt, Trainingsziele erreicht. Und oft ist es schon die größte Hilfe, wenn jemand mitfilmt, was ich gerade trainiere – quasi als lebendes Stativ.

Zum anderen braucht es – für mein Empfinden – auch eine klare Zielformulierung. Sowohl von den Praktikant*innen, als auch von mir. An manchen Tagen war wenig zu tun, da konnten wir uns um tatsächlichen Wissensaustausch mehr bemühen. An anderen Tagen hätte ich besser delegieren müssen – was definitiv eines meiner Themen ist, das ich mit den Praktikantinnen angehen konnte um mich selbst weiter zu entwickeln.

Beim nächsten Mal würde ich die Kompetenzen die Praktikant*innen, die sie schon vor der tiertrainerischen Ausbildung hatten, viel stärker einbinden und sämtliche Aktivitäten dokumentieren, um die Entwicklung der Praktikant*innen besser sichtbar zu machen.

Es mag meiner Tätigkeit im Sozialbereich geschuldet sein: Ich liebe Netzwerke.

Und je stärker ein Netzwerk ist, desto produktiver kann ich damit arbeiten. Dieses Netzwerk kann sich aber nicht nur aus Personen bilden, die Einzelkämpfer*innen sein und sich lediglich mit anderen Einzelkämpfer*innen zusammenrotten wollen. Es braucht Austausch. Es braucht Geben und Nehmen. Luisa, Moni und Nicole sind nun Teil meines Netzwerks aus Menschen, die ich um Rat fragen kann und die mir zuhören, wenn ich meine Ideen mit jemandem teilen möchte. Is’n gutes Gefühl J