Als Hilal Sezgin ihr wundervolles Buch „Artgerecht ist nur die Freiheit“ veröffentlichte, dachte ich, endlich eine Antwort auf die Kontroverse gefunden zu haben, die mich mein ganzes tieraffines Leben begleitet. Jetzt, einige Jahre später und um Wissen und Erfahrung reicher, frage ich mich aber wieder: Welche Freiheit gibt es denn noch für die Tiere?

Die Freiheit lässt sich aus mehreren Richtungen betrachten. Freiheit bedeutet auch Selbstbestimmung. Aber welches Tier, von Maus bis Blauwal, kann heute noch selbstbestimmt leben ohne mit der Präsenz des Menschen zu kollidieren? Ist der Weisheit letzter Schluss, dass der Mensch all sein Zutun beenden soll und die Tiere einfach sich selbst überlässt? Ziehen wir uns damit nicht aus einer Affaire, die wir verursacht haben?

In der Stadt sehe ich die freilebenden Tauben. Wer sich mit ihnen näher beschäftigt hat, weiß aber wie armselig ihr kleines bisschen Leben ist. Tauben sind Haustiere, und die Stadttauben, gegen die so intensiv gewettert wird, sind nichts anderes als geflügelte Straßenhunde. Mir fehlen konkrete Zahlen und persönliche Eindrücke aus anderen Städten, aber wenn in Wien irgendwo ein Hund ohne Mensch herumläuft, dauert es wenige Minuten bis die ersten Passant*innen sich suchend umsehen und einander völlig fremde Menschen konkrete Pläne schmieden, wer wo und wie wen zur Hilfe ruft, den Hund sichert und transportieren kann… Aber bei einer Taube? Fehlanzeige. Die verklärte Sicht der Taubenzüchter*innen trägt wenig zur Lösung dieser Thematik bei: Tauben, die nach Wettbewerben nicht zurückfinden, werden auch nicht gesucht. Viele Personen aus der Zuchtszene (natürlich aber nicht alle!) geben sich mit dem Gedanken zufrieden, dass die Taube eben irgendwie anders „vom Kurs abgekommen“ ist und starten keinerlei Bemühung, ihre Schützlinge wiederzufinden. Der Schwund bei Wettbewerben wird bewusst einkalkuliert. Entschwundene Tauben, die sich dann den Stadttaubenpopulationen anschließen, fallen manchmal durch ihre beringten Füße und die bewusste Kontaktaufnahme zum Menschen auf… Aber wer hilft schon einer Taube? Und was hat die Taube jetzt von ihrer Freiheit? In diesem Fall nimmt sich wieder der Mensch die Freiheit; er befreit sich von seiner Verantwortung, die von ihm abhängigen Tiere zu versorgen. Freilich gibt es Züchter*innen, die mit vollem Herzen an ihren Tieren hängen und alles in ihrer Macht stehende tun, um die Taube wieder nach Hause zu bringen. Aber sie stehen nicht für die Mehrheit der Szene.

Wie schön wäre es, wenn es ein „Zwischending“ gäbe. Freie Lebensräume, in denen die Tauben Bedingungen vorfänden, die sie wieder autonom leben ließen. Aber der ursprüngliche Lebensraum, aus dem wir die Felsentauben dareinst entführt und zu unserem „Sportgerät“ geformt haben, ist der Urbanisierung gewichen. Während die wilde Felsentaube also selbst in ihrer Freiheit und Unabhängigkeit eingeschränkt wird, überlassen wir unsere gezüchteten (und teils lebensunfähigen) Tauben sich selbst, und behaupten auch noch, sie seien die Ratten der Lüfte. Wir Menschen gewöhnen uns schnell an Anblicke und Situationen, wenn sie uns nur oft genug auf bestimmte Art und Weise präsentiert werden.

Freiheit kann lebensgefährlich sein.

Aber Freiheit ist auch Leben. Und das braucht Ressourcen. Es kann also nur da von Freiheit gesprochen werden, wo ausreichend Ressourcen für das Individuum vorhanden sind. Und eine dieser Ressourcen ist Sicherheit.

Mein gedankliches Resümee dazu sagt, dass Tauben – weder Fels- noch Stadttaube – nicht frei sind, denn sie sind von unserer Geisteshaltung ihnen gegenüber abhängig. Stichwort Speziesismus. Wer sich „Tierfreund*in“ nennt aber Tauben abschätzig begegnet, sollte sich überlegen einen Artenkatalog mitzuführen, in dem die „guten“ Tiere aufgelistet sind. Ganz wertfrei.

Häufig beschleicht mich der Eindruck, dass wir die Freiheit idealisieren weil wir ein Bild von ihr im Kopf haben, das wir auf andere projizieren und damit automatisch erwarten, dass alle die frei von dem sind was uns persönlich einschränkt, sich doch auch frei fühlen müssten! Aber so funktioniert die Freiheit nicht. Wir meinen mit diesem Bild der Freiheit die Abwesenheit von Mängeln. Und was ein Individuum als Mangel empfindet können wir doch nie mit Sicherheit sagen. Freiheit und Sicherheit stehen sich in diesem konkreten Szenario nicht gegenüber. Freiheit für autonome (respektive „wilde“) Tiere erfüllt sich nur dann, wenn auch ein Maß an Sicherheit gegeben ist.