Vor drei Jahren durfte ich an einem sog. „Regional Workshop“ der IMATA in Italien (Zoomarine Rome) teilnehmen – ich hab‘ mich für diesen dreitägigen Workshop angemeldet, weil ich Delfinariengegnerin war und wissen wollte, was es damit auf sich hat – ohne ein Ticket zu kaufen. Geboten wurden mir drei Tage voller Wissen, Leidenschaft und wirklich fantastischen Trainingsskills. Ich bin zwar immer noch kein  Fan von Delfinshows, aber es gibt tolle Einrichtungen die als Brücke zwischen Mensch und Tier fungieren und eine ausgezeichnete Versorgung von Meeressäugern präsentieren, die mit nichts vergleichbar sind und die von den populären Aktivist*innen natürlich nicht hergezeigt werden. Anhand dieses ersten Absatzes merkt ihr schon: Der nachfolgende Text wird anstrengend. 

Zur Konferenz selbst: Fünf Tage (und ein Icebreaker) voller Wow-Momente. Wer Tiertraining ernst nimmt wird um solche Veranstaltungen mit allen Vor- und Nachteilen nicht herumkommen. Die Nachteile: Ein verhältnismäßig teurer Spaß; Die Jahresmitgliedschaft zu € 65,– in der IMATA hat einen saftigen Rabatt für die Konferenzteilnahme eingebracht, wodurch ich in Summe (also Mitgliedschaft + Teilnahme) knapp über 500€ bezahlt habe. Inkludiert waren Icebreaker (sehr fancy!), Kaffeepausen (sehr exklusiv! – Nespresso Professional Maschinen mit Kuchenvariationen, Teebar und frisch gepresstem Orangensaft), Unterhaltungsprogramme (kleiner Workshop, Paneldiscussions, Gewinnspiele, Hostfacility-Besuch [Boom!], Posterausstellungen) und die vielen fantastischen und liebevoll gestalteten Präsentationen.

Das ganze ist sehr zeitaufwändig. Ich bin volle acht Tage ausgefallen. Für manche Teilnehmer*innen mag das mehr ein Vorteil sein, sich mal endlich einige Tage frei nehmen zu müssen. Ich musste fliegen, weil Autofahren vollkommen unwirtschaftlich gewesen wäre. Und ich hasse fliegen. Dankenswerter Weise haben mich die ATClerinnen unter ihre Fittiche genommen, wodurch die Einsamkeit nicht ganz so intensiv war, denn: Ich bin keine Delfintrainerin und das spürt man dort sehr deutlich. Ähnlich wie bei Hundeveranstaltungen sind natürlich die Arbeitsthemen in den Pausen ein Dauerbrenner.

Am vierten Tag war das schon sehr anstrengend. Viele Dinge, die ich mir gerne merken wollte, sind mir vollständig entfallen. Mitschreiben ist in einem dunklen Vortragssaal nicht so easy und natürlich habe ich mir mit dem Smartphone geholfen, aber ihr wisst ja wie das ist. Fang‘ ich mit den Aufnahmen in zwei Wochen noch etwas an? Mh!

Zwischenbilanz; Alles in allem hat mich dieser Ausflug etwa 1000€ und acht Tage gekostet.

Zu den Vorteilen: Ein internationales Event mit Best-Practise-Beispielen, Skills, Forschungsergebnissen, neuen Impulsen und viel viel viel VIEL Wissen. Im konkreten Fall möchte ich lobend erwähnen, dass trotz des Fokus‘ auf Meeressäuger auch einige andere Spezies mit trainingsspezifischen Themen Erwähnung gefunden haben. Kirsten Anderson Hanson war da, deren Forschung und dazugehörige Geisteshaltung mich restlos begeistert. Seine Eminenz, Sir Ken Ramirez war mit von der Partie. Alle Namen der Kapazunder zu nennen, die sich um gewaltfreies, modernes und effektives Training verdient machen, würde jedoch den Rahmen sprengen. In jedem Fall sei erwähnt: Die anwesenden Personen alleine wären schon Grund genug um hinzukommen.

Die Stimmung ist dermaßen freundlich und wohlwollend. Trauriger Weise bin ich das nicht gewohnt, denn die diesbezügliche Geisteshaltung in Ö und D ist definitiv eine andere. Die Grundhaltung der Vorträge, der Moderation und der Gespräche hier auf dieser Konferenz waren selbstbewusst und engagiert, kompetent und offen. Auch um diese Stimmung mal zu erleben lohnt es sich, auf eine solche Veranstaltung zu gehen.

Freiflugshow der Aras!

Freiflugshow der Aras!

Zoomarine ist ein Punkt für sich. Meine Erfahrungswerte halten sich in Grenzen, aber was die Leute von Zoomarine vorgelegt haben macht ihnen so schnell niemand nach. Tolle Führungen durch ihre Einrichtung, viel Liebe zum Detail, transparent und auskunftsfreudig. Ich habe nicht nur häufig die Vergleiche nach Ö und D gesucht, sondern auch mit meinem anderen Arbeitsleben – der Arbeit mit wohnungslosen Frauen in einer Einrichtung des Sozialbereichs – und finde es schon eindrucksvoll, wie viele Einblicke uns gewährt wurden, wie offen unsere Fragen beantwortet wurden und letztlich, wie engagiert die Mitarbeiter*innen der ganzen Einrichtung sind. In diesem konkreten Fall haben die Leute von Zoomarine auch noch erwirkt, dass wir mit unseren Namenskarten kostenlos in den Zoo Lissabon können. Networking rocks!

Nachteile, kurz und knapp: Kosten- und Zeitintensiv. Die fünf Tage verfliegen und all die vielen Inhalte, Skills und Ideen rinnen einem förmlich durch die Finger, wenn man nicht jeden Tag eine Zusammenfassung schreibt oder sich zumindest mit den entsprechenden Vortragenden vernetzt, um „am Ball“ zu bleiben.

Der Show-Pool - hier wird abseits der Shows viel geübt, aber auch herumgealbert.

Der Show-Pool – hier wird abseits der Shows viel geübt, aber auch herumgealbert.

Soweit meine „Pro- und Kontrabilanz“ für die Konferenz selbst. Natürlich war in diesen fünf Tagen nicht alles Eitel-Wonne-Sonnenschein. Das Thema Aktivismus und Soziale Medien beschäftigt alle Beteiligten sehr intensiv. Der generelle Tenor ist ein besorgter, da die Auswirkungen von Blackfish und Co spürbar sind. Die Positionierung in dieser Diskussion für mich als nur-am-Rande-Beteiligte ist nicht ganz einfach. Nun steh ich von vorherein allem (vor allem mir selbst ) erstmal offen, aber kritisch gegenüber. Wie weiter oben erwähnt gibt es ganz fantastische Einrichtungen, die natürlich von PETA, Seashepherd und Co nicht vorgezeigt werden. Sehr leid tat mir der Umstand, dass etliche Trainer*innen persönlich bedroht wurden. Nicht bloß online, sondern auch im echten Leben. In den Pausen haben mir Trainerinnen im Gespräch erzählt, dass ihre Autos demoliert wurden, sie wurden wüst beschimpft wenn sie ihre Arbeitskleidung außerhalb anhatten und von den sonstigen Aktionen, die die Aktivist*innen veranstaltet haben will ich mal gar nicht weiter ausholen. Dass sich die Wut und das Verlangen nach Veränderung ausgerechnet gegen jene richtet, die ohnehin ständig bestrebt sind im besten Interesse des Tieres zu handeln hat einen sehr bitteren Beigeschmack. Das Thema Freiheit versus Gefangenschaft führe ich in meiner Pseudophilosophie-Reihe weiter aus.

Ken Ramirez - einer seiner fantastischen Vorträge!

Ken Ramirez – einer seiner fantastischen Vorträge!

Was für mich jedoch wieder auf der Haben-Seite steht ist die pro-aktive Arbeitseinstellung. Lösungsorientiert mit ganz klarer Perspektivenarbeit – absolut vorbildlich und mitreißend. Das Tier steht im Mittelpunkt und alle, die bei dieser Konferenz waren, sind schon auf dem Weg ihre Arbeits- und Unterbringungsbedingungen immer besser zu machen. Niemand fürchtet sich dafür, seine Best-Practise preiszugeben weil alle voneinander profitieren und lernen wollen.

Um mich nun nicht tiefer in Lobhuldigungen und Schwärmereien zu verrennen, möchte ich all jenen, die unschlüssig sind wie sie Delfinarien gegenüber stehen ans Herz legen, auf eine Konferenz oder einen Regional Workshop (bissl günstiger :)) zu fahren. So bekommt man auch ausreichend Eindrücke wie die Situationen in den verschiedenen Einrichtungen ist, ohne dass man ein Ticket kaufen muss.

Folgende Punkte nehme ich für mich mit:

Wer Tiertraining ernst nimmt sollte sich unbedingt eine Konferenz dieser Art leisten.
Es gibt richtig tolle Delfinarien
In Punkto Vernetzung und Wissensaustausch können wir uns eine dicke Scheibe von den Amerikaner*innen abschneiden
Tiertraining hat Zukunft und wird möglicherweise auch auf die Beständigkeit von tierhaltenden Organisationen Einfluss haben
Transparenz schafft Bindung und Vertrauen in der Öffentlichkeit.

Folgende Fragen kann ich für mich jedoch weiterhin nicht beantworten:

Ob „Educational Shows“ dazu beitragen, dass Menschen ihre Liebe zu Tieren entdecken kann ich nicht beurteilen. Zweifelsohne haben viele Menschen dadurch eine tiefschürfende Verbindung zu den Tieren entwickelt. Aber ist diese Verbindung vom Unterhaltungswert geprägt, oder haben diese Shows ein echtes (altruistisches) Interesse am Wohlergehen dieser Tiere erzeugt?

Haben Tierrechtsaktivist*innen tatsächlich im Sinn, die Haltung aller Tierarten zu verbieten? Und wenn ja, wie gehen wir mit Tieren um, die nicht (mehr) selbstbestimmt leben können? Wer zieht die Grenze was moralisch tragbar ist? Und wer kontrolliert die Intention der Aktivist*innen?

 

Schreibt mir gerne Eure Gedanken dazu – ich freue mich auf den Austausch!