Im wesentlichen ist die Hauptsaison der Wildtierhilfe vorbei, darum hab‘ ich nun den Kopf frei um über die Begebenheiten der letzten Monate nachzudenken – wie ihr hier unschwer sehen könnt.

Der Schutz unserer heimischen Wildtiere liegt im deutschsprachigen Raum zum größten Teil in privater Hand. Dementsprechend schwierig ist es zum einen kompetente Hilfe zu bekommen wenn ein Wildtier gefunden wurde, und zum anderen wenn man selbst aktiv in der Wildtierhilfe ist.

Aktiver Wildtierschutz kann auf mehreren Wegen stattfinden:

Prävention durch Öffentlichkeitsarbeit, Ganzjahresfütterung, Nisthilfen, Lebensraumerhalt, Insektenschutz, Citizen-Science

Pflege von verwaisten oder verletzten Tieren, Transporte, Stationsdienste, Rettung von verwaisten oder verunfallten Tieren

Nachsorge durch Auswilderung (sowie alle genannten Punkte aus der Prävention)

große Meisenknödel - heiß begehrt, nicht nur von Meisen :)

große Meisenknödel – heiß begehrt, nicht nur von Meisen 🙂

Freilich ließe sich noch viel mehr konkret benennen – hier entsteht kein Anspruch auf Vollständigkeit 🙂

Neben der enormen finanziellen und zeitlichen Belastung für aktive Helfer*innen, kommt die mentale Belastung stark zu tragen. Diese Mühsal wird häufig übersehen und ist doch so allgegenwärtig:

Finder*innen, die nicht helfen wollen oder können. Grundsätzlich verstehe ich die Angst vor (Wild-)Tieren ganz gut und es ist vernünftig sie nicht anzutatschen. Aber! In der Regel findet ein Mensch ein Tier und fragt um Hilfe, entweder per Notrufnummer oder in einer der zahlreichen Wildtierhilfegruppen auf facebook. Was mir seit einigen Monaten immer wieder auffällt ist der Unwille tatsächlich zu helfen. Die auffindende Person meldet das Tier und entzieht sich danach jedweder Mithilfe. Wenn das Tier kuschelig, süß, selten oder sonst wie „besonders“ ist, hat man noch bessere Chancen die Finder*innen um aktive Mithilfe zu bitten. Ist es aber zB „nur“ eine Taube, ein Igel oder eine Fledermaus, sieht die ganze Sache schon anders aus. Mit ach und krach bekommt man noch eine Telefonnummer um Rückfragen zu können, wenn man sich als rettende/transportierende Person vor Ort nicht zurechtfindet. Der Faktor Sicherung (also das Tier in einen improvisierten Transporter zu setzen) würde so enorm viel Zeit sparen und dem Tier selbst bessere Chancen mitgeben. Gerade geschwächte Tiere und Jungtiere brauchen fast immer eine Wärmequelle. Wenn vom Zeitpunkt der Alarmierung bis zum Zeitpunkt der Wärmezufuhr (oder jeder anderen, notwendigen Erstmaßnahme) allerdings mehrere Stunden vergehen, sinken damit die Überlebenschancen rapide. Es könnte so einfach sein zu helfen: In der Regel reicht ein Handtuch und eine entsprechende Box, um ein Tier unterzubringen, bis es zur Station transportiert werden kann. Und damit kommen wir zu einem weiteren Punkt, der noch vor einer professionellen Erstversorgung Schwierigkeiten macht:

Wer transportiert? Auch hier lässt sich beobachten, dass viele Menschen erwarten das Tier würde mit einer Art Rettungsauto von ihnen abgeholt werden – aber so funktioniert die Wildtierhilfe nicht. Zwar gibt es zB in Wien die Möglichkeit, bei der MA49 anzurufen und um Abholung zu bitten, aber auch hier kommt es natürlich zu Wartezeiten, denn dieser Service ist kein Blaulichtdienst.

Der Idealfall wäre also, dass Finder*innen das Tier provisorisch einpacken und zur nächstgelegenen Station oder wildtierkundigen Tierarztpraxis bringen. Das wäre effizient und für alle Beteiligten am einfachsten. Natürlich gibt es Situationen, in denen Transport und Sicherung aus welchen Gründen auch immer nicht von der auffindenen Person übernommen werden können – aber Hand aufs Herz: Bei weitem nicht so oft, wie tatsächlich darüber diskutiert wird. Denn ganz häufig endet die Hilfsbereitschaft der Finder*innen mit der Bekanntgabe des Aufgefundenen Tieres. Alle, die aktiv im Wildtierschutz tätig sind, können davon ein Lied singen.

nicht nur Zeit und Geld, auch Platz ist eine wichtige Ressource

nicht nur Zeit und Geld, auch Platz ist eine wichtige Ressource

Da Wildtiernotfälle häufig abends oder nachts gemeldet werden, sei hier auch erwähnt dass es oft ausreichen würde, das Tier (sofern es keine lebensbedrohlichen Krankheiten oder Verletzungen hat) erstmal bis zum nächsten Morgen bei sich zu behalten. Auch hier können die aktiven Wildtierhelfer*innen vermutlich mit der ein oder anderen Story aufwarten, wie sie nachts um 2.00 Uhr ein Tier abholen mussten weil die Finder*innen es partout nicht bei sich behalten wollten. Häufig werden Kinder oder Haustiere dafür als Grund genannt – schon wieder Hand aufs Herz: Ehrlich?

Eichhörnchen Baby Füttern

Eichhörnchen Baby Füttern

Aber zurück zur Mühsal: Auch die Erwartungshaltung an Tierärzt*innen stellt uns (und die Tiere und natürlich die Vets) vor Herausforderungen. Veterinär*innen müssen nicht kostenlos behandeln. Häufig tun sie’s, weil sie Mitleid haben. Das darf man aber nicht voraussetzen. Auch Veterinär*innen haben Fixkosten, die bezahlt werden müssen. Und auch hier möchte ich mein absolutes Verständnis dafür äußern, dass auch ein paar Euro, die man unvorhergesehen für ein Wildtier ausgeben soll ein erhebliches Loch ins Monatsbudget reißen können – aber es gibt immer eine Lösung. Die darf aber freilich nicht so aussehen, dass TÄs öffentlich diffamiert werden weil sie für ihre Behandlung eine Rechnung stellen. Wenn man als auffindende Person die notwendige Behandlung nicht bezahlen kann oder will, so sollte man zumindest die Courage haben das Tier im Sinne des österreichischen Tierschutzgesetzes §6 Abs. 4 bzw. §8 einschläfern zu lassen. An dieser Stelle sei erwähnt dass das nicht die schlechteste Option ist – wenn wirklich medizinischer Handlungsbedarf besteht, ist es ja mit einer einmaligen Behandlung häufig nicht getan. Und da Wildtiere in der Regel das Handling durch Menschen nicht gewöhnt sind, ist es schon sinnvoll sich zu überlegen ob das Tier den Rehabilitationsprozess auch aus dieser Perspektive übersteht. Stress und Angst verschlechtern das Outcome für Wildtiere enorm.

Womit wir auch schon zum nächsten Punkt dieser Mühsal-Liste kommen: Die emotionale Geisteshaltung. Wildtiere sind nicht dankbar. In der Regel haben Wildtiere zum Zeitpunkt des Auffindens Todesangst und Schmerzen. Auch hier können Wildtierhelfer*innen vermutlich ein Lied davon singen, dass Menschen mit verunfallten Tieren Selfies posten und – sehr böse formuliert – die Hilflosigkeit des Tieres zur Profilierung in den Sozialen Netzwerken nutzen. Und leider schadet diese Darstellung nicht nur diesem einen Tier, sondern auch allen nachfolgenden Tieren, die von Finder*innen so behandelt werden. Die wohlwollende Intention, einem Tier zu helfen, reicht in diesem Zusammenhang leider nicht. Dem Tier ist mehr geholfen, wenn man es transportfertig macht und in Ruhe lässt. Wer souverän im Umgang mit Tieren ist kann es natürlich gut nach offensichtlichen Verletzungen absuchen. Knochenbrüche, Stauchungen und Luxationen sind aber selten mit bloßem Auge zu erkennen – und dafür aber umso schmerzhafter. Und gerade die sensiblen Flügel von Vögeln und Fledermäusen würden es uns im Genesungsprozess sehr danken, wenn wir etwaige Verletzungen nicht durch unnötige Manipulationen noch verschlimmern. Hier driften wir auch etwas in die Philosophie ab: Der Wille zur Hilfeleistung darf nicht durch die potentielle Dankbarkeit des Hilfsbedürftigen beeinflusst werden. Wer Wildtieren helfen möchte, sollte sich an der Möglichkeit zur Hilfe selbst erfreuen und nicht an einer potentiellen neuen „Freundschaft“ zu einem Tier.

Nun soll das aber kein Shitstorm gegen Menschen sein, die sich ungeschickt anstellen – ganz im Gegenteil. Es ist mein Dankeschreiben an alle, die zwar unverhofft in die Situation kamen einem Wildtier zu helfen und trotz aller Widrigkeiten (derer es viele gibt!) im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles getan haben was eben ging. Und dazu gehört auch sich Hilfe und Anleitung zur Selbsthilfe zu holen, an Facebookpostings mit weit über 50 Kommentaren dran zu bleiben, so genau wie möglich die Situation zu schildern und dann auch noch den Weg auf sich zu nehmen und das Tier zur nächstgelegenen Pflegestelle zu bringen. Oder eben den transportierenden Menschen ein bisschen entgegen zu kommen. Danke dafür! <3

Als Appell an alle, die das Lesen und bisher noch nicht in die prekäre Situation kamen einem Wildtier helfen zu wollen: Bitte kommt uns ein bisschen entgegen, wortwörtlich. Zumindest bis zur Haustür, damit es nicht den Charakter eines Lieferdienstes hat, der ehrenamtlich verletzte Tiere herumkutschiert. Auch wir Helfer*innen würden nachts gerne bei unseren Familien sein und nicht zig Kilometer und etliche Stunden mit Herumfahren verbringen. Noch lieber würden wir effizient helfen und das geht besser in einer Voliere oder Station – nicht im Auto 🙂 Danke! <3

Und zu guter letzt sei hier noch allen Hunde- und Katzenhalter*innen ein großes und herzliches Dankeschön ausgesprochen, die ihre Tiere (nicht nur) zur Brut- und Setzzeit im Frühjahr nicht in den Lebensräumen unserer wilden Mitbewohner herumstrawanzen lassen. Auch das entspannt die Situation enorm! Danke! <3

 

Es ist unmöglich alle Stellen zu nennen, die in diesem Bereich helfen – daher hier ein sehr grober Überblick für Österreich:

Wildtierhilfe Wien 

Wildtierhilfe Vorarlberg

Kleine Wildtiere in großer Not – Steiermark

EGS Haringsee

Facebook: Wildvogelhilfe Notfälle und Wildtiernotfälle